Rückenschmerzen – Was kannst du dagegen tun?

Weltweit leiden knapp 84% aller Menschen mindestens ein Mal in ihrem Leben an Rückenschmerzen. Da diese oft missverstanden werden, gibt es hier drei Fakten, die sich auf die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse stützen und dabei helfen sollen, Rückenschmerzen aus einem anderen Blickwinkel zu sehen.

Disclaimer: Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Diagnose oder Untersuchung! Bei langanhaltenden Rückenschmerzen sollte ein entsprechender Experte zu Rat gezogen werden.

Fast jeder von uns wird in seinem Leben einmal mit Rückenschmerzen zu kämpfen haben. Gerade bei einem aktiven Lebensstil gehören Rückenschmerzen irgendwie mit dazu. Ihr kennt doch sicherlich das Gefühl nach richtig schwerem Kreuzheben, oder? Alles ist dicht, fühlt sich müde und fest an. Allerdings sind diese unspezifischen Schmerzen (also ohne vorherige Verletzung) meistens nicht gefährlich und verschwinden nach sechs bis acht Wochen von selbst, ohne dafür einen Arzt oder Physiotherapeuten gesehen zu haben.

Da Rückenschmerzen oft ohne eine konkrete Ursache und dann nur phasenweise auftreten, ist eine Einordnung des Problems oft schwierig. Aber da wir alle irgendwann mal damit zu tun haben, ist es keine seltene oder schwerwiegende Erkrankung. Es ist wichtig, dass wir die Möglichkeiten kennenlernen, mit Rückenschmerzen umzugehen. Zu wissen, was wir tun können und was wir lassen sollten, ist deutlich hilfreicher, als für den Rest des Lebens zu versuchen, Rückenschmerzen zu vermeiden.

Ist Sitzen das neue Rauchen?

Diesen Satz haben wir inzwischen schon so oft gehört. Krummes Sitzen über einen längeren Zeitraum führt zu Rückenschmerzen und wenn wir eine aufrechte Haltung einnehmen, können wir dem entgegenwirken. Das ist so allerdings nicht ganz richtig! Inzwischen wissen wir, dass es keinen Zusammenhang zwischen einer bestimmten Sitzposition und dem Auftreten von Schmerzen gibt. Es ist deutlich relevanter, wie viel Zeit wir insgesamt in einer Position verbringen.

Denn acht Stunden, ohne sich einmal zu bewegen, sind viel schlimmer für unseren Körper, als sich kurzzeitig mal in eine krumme Haltung zu begeben. Wobei wir uns auch Fragen sollten, wer diese „normale Haltung“ irgendwann mal festgelegt hat. Sind alle Abweichungen von der Norm prinzipiell schädlich? Sollten wir unsere Wirbelsäule wenn möglich, immer in einer neutralen Position halten? Sind wir wirklich so zerbrechlich gebaut, dass wir uns nur in einer einzigen Position stabilisieren können? Fun Fact – Nein!

Der menschliche Körper ist so unfassbar stabil, robust und anpassungsfähig, dass von einer krummen Haltung, nicht mal eben schnell alle Bandscheiben rausfliegen. Unsere Haltung ist eine bewusst eingenommene Position, die wir willentlich beeinflussen können. Wenn wir also die eine Sitzposition als „schlecht“ und die andere Position als „gut“ bezeichnen, dann kennen wir nur die beiden Extreme. Schwarz oder weiß? Das wirklich Wichtige passiert aber genau dazwischen. Was macht unser Körper nämlich ganz von alleine, wenn wir zu lange in einer Position sitzen? Er verändert seine Haltung.

Der Schmerz, den wir während langem Sitzen merken, ist eher ein Signal vom Körper, dass es an der Zeit ist, die Position zu wechseln. Und genau das sollten wir tun! Vom Sitzen mal ins Stehen wechseln. Während eines Anrufs mal im Raum umherlaufen. Unterschiedliche Positionen einnehmen, denn die beste Position wird immer die Nächste sein. Damit ist langes Sitzen in einer aufrechten Haltung genauso schlecht, wie langes Sitzen in einer krummen Haltung. Und wer behauptet, dass Sitzen an sich schlecht ist, hat das Problem nicht verstanden.

Bildgebung wird häufig überbewertet

Gerade in Deutschland werden leider viel zu häufig und viel zu früh MRT- und Röntgenbilder gemacht. Es ist der ganz normale Ablauf. Man geht mit Rückenschmerzen zum Arzt und wenn keine klare Ursache gefunden werden kann, wird erstmal ein Termin beim Radiologen verordnet. Und bei der erneuten Auswertung mit dem Arzt, ist der Schreck oft groß. Facettengelenksarthrose, eine vorgewölbte Bandscheibe, Veränderungen des Wirbelkörpers.

Damit fühlt man sich in einer Schmerzphase noch zerbrechlicher und man schiebt seine Probleme auf genau diese strukturellen Veränderungen. Solche Befunde sind allerdings völlig normal und gehören zu einem physiologischen Alterungsprozess dazu, wie graue Haare und Falten. Die lassen uns ja auch nicht zusammenschrecken oder?

Das Problem ist nicht das MRT-Bild, sondern vor allem der Umgang damit. Solche Veränderungen finden wir nämlich auch bei Menschen ohne Beschwerden oder Einschränkungen. Und diese Information wird leider häufig nicht erwähnt. Stattdessen werden anhand der Befunde im MRT-Bild weitere Tests und invasive Therapieoptionen empfohlen. Dieser Ansatz reduziert die Rückenschmerzen nur auf eine einzige Struktur und dieses Problem kennt ihr bereits – Schwarz oder Weiß?

Der technische Fortschritt in der Medizintechnik ist großartig. Wenn wir diese Technik aber unnötig Einsetzen, erzeugen wir Kosten für das Gesundheitssystem. Wir richten unseren Blick weg von der Person, die vor uns steht und schauen nur noch auf die anatomischen Strukturen. Somit erzeugen wir mit einer falschen Aufklärung Sorgen und Angst vor Bewegung. Damit haben wir die Rückenschmerzen dann überdiagnostiziert und aus einer Mücke einen Elefanten gemacht. Können wir das nicht besser?

Das MRT-Bild ist eine Momentaufnahme, ein Foto. Zur Abklärung bei schwerwiegenden Erkrankungen oder zur Vorbereitung auf eine Operation, ist diese Technik großartig. Für die Diagnostik von unspezifischen Rückenschmerzen, die nach sechs bis acht Wochen von alleine verschwinden, ist ein MRT-Bild völlig unnötiger Zeit- und Kostenaufwand.

Das Märchen vom Ein- und Ausrenken

In einer Welt mit Social Media, wollen wir immer eine schnelle Lösung für unsere Probleme haben. So auch für Rückenschmerzen. Und wer kennt nicht diese Cracking Compilations? Physiotherapeuten, Ärzte oder Chiropraktiker, die jedes Gelenk ihrer Patienten einfach knacken lassen. Dieser Umgang mit Rückenproblemen erweckt den Eindruck, dass die Wirbelsäule „verrutscht“ wäre und „wieder ausgerichtet“ werden muss.

Diese Begriffe stehen bewusst in Anführungszeichen, weil dieses Erklärungsmodell für Beschwerden und Schmerzen unseres Bewegungsapparats nachweislich falsch und nicht mehr aktuell ist. Ein Wirbel kann nicht ausrenken, steht nicht schief im Raum und muss erst recht nicht wieder eingerenkt werden. Darüber hinaus entsteht dadurch eine Abhängigkeit zum Therapeuten, weil nur er mir mit seinen magischen Händen die Schmerzen wieder reduzieren kann.

Nichtsdestotrotz fühlen wir uns danach oftmals besser. Woran liegt das? Wenn ein Gelenk manipuliert wird, dann kommt es plötzlich zu einer starken mechanischen Reizung der Gelenkkapsel. Spezielle Rezeptoren in der Kapsel, leiten diesen mechanischen Reiz an das Gehirn weiter und überlagern damit kurzfristig den Schmerzreiz. Bis sich unser Organismus wieder reguliert hat, ist die Schmerzwahrnehmung für den Moment reduziert. Das behebt aber lediglich das Symptom und nicht die Ursache.

Überraschung – Es gibt keine Wunderheilung! Hätte jemand einen schnellen Weg gefunden, Rückenschmerzen langfristig zu beheben, dann wüssten wir bereits davon. Quick Fixes lenken uns vom eigentlichen Problem ab, dass wir uns insgesamt zu wenig und zu einseitig bewegen, zu wenig schlafen und uns schlecht ernähren. Wenn wir diese Grundlagen verbessern, dann brauchen wir keine teuren Therapien oder Gadgets und sorgen dafür, dass wir selbstständig den Schritt in die richtige Richtung gehen.

Es geht immer um den Menschen

Rückenschmerzen kommen und gehen. In den meisten Fällen sollten sie uns keine großen Sorgen bereiten. Und selbst wenn wir mal in einer längeren Schmerzepisode stecken, können Rückenschmerzen geheilt werden. Unsere Wirbelsäule ist sehr belastbar und robust gegen Widerstände von außen. Somit müssen Rückenschmerzen nicht unmittelbar mit einer Verletzung der Wirbelsäule im Zusammenhang stehen.

Jeder Rücken ist anders. Also ist auch jeder Therapieansatz unterschiedlich. Man darf nie den Menschen hinter den Rückenschmerzen vergessen. Seine Lebensumstände und Umweltfaktoren haben ihn dahin gebracht, wo er jetzt steht. An welcher Schraube drehen wir zuerst?

Autor

Silvan Schlegel

Mein Name ist Silvan Schlegel - Ich bin Sportphysiotherapeut aus Berlin. Neben der Arbeit in der Praxis betreue ich u.a. die deutsche Junioren-Nationalmannschaft der Turner Herren und weitere Leistungssportler am Olympiastützpunkt in Berlin. Es geht mir immer darum, einen aktiven Behandlungsansatz zu finden, der meinen Athleten und Kunden ermöglicht, verletzungsfrei zu bleiben und ihr volles Potential zu entfalten.

Du kannst Dich mit ihm über Instagram (@silvanschlegelpt) verbinden.

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